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Wenn aus Tausenden ein Team wird

Was Organisationen von der Challenge Roth lernen können
Was Organisationen von der Challenge Roth lernen können

Vor 15 Jahren habe ich mit Triathlon begonnen - erst als Zuschauer und schon bald als zunehmend begeisterter Hobby-Sportler. Da ist es fast selbstverständlich, dass man auch die Challenge Roth, die kürzlich zu Ende ging, mit Begeisterung verfolgt. 

Wer selbst Triathlon macht, erlebt Wettkämpfe aus einer ganz eigenen Perspektive. Man trainiert, schwimmt, fährt Rad, läuft, kämpft. Ganz fokussiert auf sich selbst. Und doch spürt man: Ich bin eingebettet in etwas Größeres. Es sind nicht nur die anderen Athleten. Es sind die Helfer an der Strecke, die Streckenposten, die Organisatoren, die Feuerwehrleute, die Sanitäter. Plötzlich wird deutlich: Ein Triathlon funktioniert nur, weil Hunderte oder Tausende Menschen an verschiedensten Positionen genau das tun, was sie tun sollen.

Und genau hier entsteht für den Organisationsentwickler die spannende Frage: Wie gelingt es eigentlich, dass an einem einzigen Tag Tausende Menschen so miteinander arbeiten, dass dieses komplexe Ereignis erfolgreich stattfinden kann?

Die Challenge Roth ist dafür ein eindrückliches Beispiel . Ein Wettkampf in einer Größenordnung und Komplexität, der seinesgleichen sucht. Und vielleicht noch interessanter: ein Wettkampf, der zeigt, dass Organisationen dieser Größe nicht deshalb funktionieren, weil alles perfekt durchdacht ist. Sondern weil die Menschen dahinter verstanden haben, worauf es wirklich ankommt.

Drei Ebenen des Gelingens

Für ein tieferes Verständnis hilft ein einfaches Modell. Jede große Organisation – ob Wettkampfveranstalter, Kirche, Unternehmen oder Gemeindeentwicklung – lässt sich aus drei Perspektiven betrachten:

Die organisationale Ebene: Erfolgreiches Handeln in Organisationen braucht klare Strukturen, funktionierende Prozesse, durchdachte Koordination. Rollen müssen verteilt sein, Verantwortungen klar, Abläufe definiert.

Die Interaktionsebene: Gleichzeitig funktioniert jede Organisation nur mit enger und intensiver Kommunikation und Austausch zwischen den Menschen, die miteinander arbeiten. Mit gegenseitigem Verständnis, mit Koordination von Angesicht zu Angesicht.

Die persönliche Ebene: Es braucht noch etwas Drittes: Menschen, die diese Haltung repräsentieren. Menschen, die nicht nur ihre Rolle erfüllen, sondern die Ziele der Organisation mit ihrer Person verbinden. Menschen, deren innere Überzeugung sichtbar wird.

Diese drei Ebenen sind in gelingenden Organisationen immer wirksam. Sie lassen sich an der Challenge Roth wunderbar beobachten.

Mehr als ein Wettkampf: Eine gemeinsame Idee

Die Geschichte der Challenge Roth beginnt mit einer Vision, mit einem Mann, der eine Idee hatte. Detlef Kühnel hatte am Ironman Hawaii teilgenommen. Voller Begeisterung organisierte er 1984 gemeinsam mit Herbert und Alice Walchshöfer den ersten Triathlon in Roth. Gemeinsam hatten sie die Vision: „Wir bringen Hawaii nach Europa“.

Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen. Längst hat sich die Veranstaltung weiterentwickelt. Längst geht es nicht mehr um Hawaii. Auch die Vision von damals hat sich entwickelt und verändert. Heute würde ich es in etwa so beschreiben: „Eine ganze Region ist in Bewegung.“

Das ist nicht nur eine Sportveranstaltung. Es ist ein regionales Projekt. Es verbindet nicht nur Athleten – es verbindet eine ganze Gemeinschaft. Vereine, Kommunen, lokale Betriebe, hunderttausende Zuschauer aus der Region. Alle sind Teil dieser Idee. Alle tragen sie mit. Und dies alles international vernetzt: „Die Welt trifft sich in Roth“.

Das Interessante ist: Diese Idee funktioniert, weil sie kontinuierlich gepflegt wird. Sie funktioniert, weil die Familie Walchshöfer – deren zweite Generation mittlerweile federführend ist – diese Idee nicht nur verwaltet. Sondern lebt.

Alice Walchshöfer, die „Gründermutter“, ist trotz angeschlagener Gesundheit und eines Herzfehlers bis heute einer der „Motoren“ dieses Geschehens. Ihre Tochter Kathrin Walchshöfer ist selbstverständlich führender Teil des Projektes, regelmäßig im Zielraum, wenn die Altersklassen-Athleten die Ziellinie überqueren. Und Felix Walchshöfer, der Organisator, verkörpert nicht nur administrative Kompetenz – er verkörpert eine Leidenschaft für diese Region und für diesen Sport.

Führung schafft Orientierung

Große Organisationen brauchen Führung. Die Form dieser Führung entscheidet aber darüber, ob eine Organisation funktioniert – oder ob sie erstarrt.

Felix Walchshöfer führt die Challenge Roth nicht primär durch Kontrolle. Er führt durch Präsenz und persönliche Beziehung.

Das bedeutet konkret: Er ist dort, wo es erfolgskritisch ist. In den Teams, vor Ort, wenn Entscheidungen zu treffen sind – auch bei den „einfachen Leuten" im Landkreis. Die Familie Walchshöfer ist tief vernetzt in der gesamten Region, nicht als externe Organisatoren, sondern als Teil dieser Gemeinschaft. Diese Eingebundenheit schafft etwas Fundamentales: Vertrauen. Und Vertrauen ist die wichtigste Währung in großen Organisationen.

Das zeigt sich auch darin, wie Wertschätzung sichtbar gemacht wird. Im Helferfilm, in dem mehrere tausend ehrenamtliche Helfer in den Fokus rücken – nicht als anonyme Arbeitskraft, sondern als die Menschen, ohne die das Projekt nicht existiert. Oder in dem Moment, als Patrick Lange 2024 sein Rennen aufgeben musste: Felix Walchshöfer betreute den Athleten persönlich an der Strecke. Nicht als standardisierte Betreuung, sondern von Mensch zu Mensch. Ein Moment, der zeigt: Dieser Mensch sieht nicht die Veranstaltung, er sieht die Menschen.

Das ist Führung durch gegenseitige Wahrnehmung – nicht durch Kommando und Kontrolle.

Vertrauen reduziert Komplexität

Die Challenge Roth ist ein gigantisches Unterfangen. Tausende Athleten auf der Radstrecke, ähnliche Massen auf der Laufstrecke, unzählige Helfer, eingebundene Kommunen, Behörden, Feuerwehr. Eine Organisation dieser Größe könnte man versuchen durch Mikromanagement, durch ständige Kontrolle, durch Zentralisierung aller Entscheidungen zu lenken. 

Das würde nicht funktionieren. Stattdessen funktioniert es anders: Verantwortung wird verteilt. Und Vertrauen wird zum Organisationsprinzip.

Das BRK, die Wasserwacht, die Feuerwehr, die Vereine – sie alle übernehmen eigenverantwortlich einzelne Sicherungsaufgaben. Ihre Arbeit ist nicht überwacht, sie geschieht aber innerhalb eines sehr klar abgesteckten organisatorischen Rahmens. Diese Eigenverantwortlichkeit ist nicht Ausdruck von Kontrollverlust, sondern ein Vertrauensvotum der Rennleitung in die Kompetenz dieser Gruppen.

Das erfordert zwei Dinge: Zum einen präzise Kommunikation und Dokumentation – wer ist für was zuständig, wie sind die Entscheidungsprozesse. Zum anderen gegenseitiges Vertrauen: Die Teams müssen der Rennleitung vertrauen, dass sie sinnvolle Rahmen setzt. Die Rennleitung muss den Teams vertrauen, dass sie ihre Aufgaben verantwortungsvoll erfüllen.

Was entsteht, ist nicht Chaos – es ist verteilte Intelligenz. Jede Gruppe kennt ihren Bereich am besten. Jede Gruppe kann schnell reagieren, wenn Unerwartetes passiert. Nicht, weil alles zentral kontrolliert wird, sondern weil die Kommunikationswege kurz sind und das gegenseitige Vertrauen hoch ist.

Kultur entscheidet

Und doch gibt es etwas noch Tieferes als Struktur und Prozess. Es gibt die Kultur – die Art, wie in einer Organisation miteinander umgegangen wird.

An der Challenge Roth wird diese Kultur in vielen Details sichtbar. Da ist die Tradition, dass die Profi-Athleten gegen Ende des Rennens den letzten Altersklassen-Athleten im Ziel die Finisher-Medaille umhängen. Ein Moment, der symbolisiert: Alle sind gleich wertvoll. Der Ironman-Champion und der 80-Jährige, der das Rennen mit Mühe beendet hat.

Da ist die Praxis der After-Race-Umfragen, in denen Athleten nach ihren Erfahrungen gefragt werden. Nicht, um zu zeigen, wie gut man ist. Sondern um zu lernen. Die Organization will wissen, wo es Probleme gab, was man verbessern kann.

Da ist auch die Reaktion auf den Ironman Frankfurt: Als in Frankfurt aufgrund der extremen Hitze Rad- und Laufstrecke verkürzt werden mussten, war die Rennleitung von Roth nicht selbstgefällig. Sie fragte sich: Wie können wir unsere Veranstaltung „resilient" für so etwas machen? Welche Maßnahmen brauchen wir, falls es ähnlich heiß wird?

Das ist nicht die Mentalität einer etablierten Größe, die sich sagt: Wir machen das so, wie wir es immer gemacht haben. Es ist die Mentalität des kontinuierlichen Lernens und der Bereitschaft, sich zu hinterfragen. Es ist Offenheit für Veränderung.

Das ist – zugegeben – ein subtilerer Level. Aber vielleicht ist er der Unterschied zwischen Veranstaltungen, die gut funktionieren, und Veranstaltungen, die über die Jahre einen „Spirit“ entwickeln. Es ist die Kultur. Es ist die Haltung.

15 Monate für 15 Stunden

Felix Walchshöfer hat in einem schon etwas älteren Video einmal einen Satz geprägt, der viel aussagt: „Wir arbeiten 15 Monate für 15 Stunden."

Gemeint ist: Das Rennen dauert am Ende etwa 15 Stunden. Die Vorbereitung braucht 15 Monate. Das heißt, der allergrößte Teil geschieht in der Vorbereitung – im Verborgenen. Nur 15 Stunden sind sichtbar, sind mediale Realität, sind das, wofür alle applaudieren.

Das ist ein beeindruckender Satz. Ich denke, er beschreibt mehr als nur den organisatorischen Aufwand. Er beschreibt eine Haltung.

Große Organisationen entstehen nicht an dem Tag, an dem sie sichtbar werden. Sie entstehen lange vorher. Sie entstehen in Gesprächen. In der Bereitschaft, Beziehungen zu pflegen. Sie entstehen in Vertrauen. In gemeinsamer Orientierung. In der Kultur, die man schafft, lange bevor jemand davon spricht.

Vielleicht entscheidet sich genau dort – in diesen 15 Monaten des Unsichtbaren – ob Organisationen auch unter höchstem Druck handlungsfähig bleiben. 


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